Hüther - neuronale Zuversicht

Interview

G. Hüther, Neurobiologe

"Nur die Zuversicht erzeugt die Kraft, Problemlösungen auch zu wagen. Diese Überzeugung, dass sich Herausforderungen anpacken und bewältigen lassen, kommt aber nicht vom Himmel. Entsprechende Erfahrungen müssen dafür die verantwortlichen Netzwerkstrukturen im Frontalhirn gestärkt haben."

Prof. Dr. Gerald Hüther
Neurobiologe

 

Wie lernen Kinder Neugier und Sicherheit? Was macht unser Körper und unser Gehirn, wenn wir uns ängstigen?

Christoph Potting hat sich auf diese Fragen Antworten vom Neurobiologen Gerald Hüther erwartet. Das Gespräch verdeutlicht, wie aus dem Urvertrauen die Zuversicht erwachsen kann.

Für die Entwicklung meiner persönlichen Zuversicht – in meinem Leben ist bisher glücklicherweise sehr vieles gut gegangen – gibt es eine Schlüsselszene: Bei der Suche nach Würmern hatte ich als kleiner Junge einmal ein traumatisches Erlebnis. Unter einer großen Bodenplatte wollte ich nach diesen Tieren suchen. Versehentlich bin ich dabei in ein großes, zwei Meter tiefes Loch gestürzt. Dann fiel der Deckel zu. Im Alter von zehn Jahren hatte ich das Gefühl, dass das Leben in dieser dunklen Höhle nun zu Ende sei. Ich habe mich in dieser Düsternis an der Wand entlanggetastet und stieß dabei auf Stahlstufen, die ich hochklettern konnte. Mit meinem Rücken und mit all meiner Kraft konnte ich die schwere Bodenplatte auf die Seite schieben. ... Ich war wieder frei und an der Luft.

Wer in seinem Leben häufiger solche schwierigen Situationen erlebt und bewältigt hat, der kann so etwas wie Zuversicht entwickeln. Wir können uns dieses Lebensgefühl durch eigene Erfahrungen aneignen, es aber auch von Menschen übernehmen, zu denen wir eine sehr enge Bindung haben. Häufig sind das Eltern oder Großeltern, die selbst diese Zuversicht in sich tragen und diese Gefühle durch ihre Erzählungen auf ihre Kinder und Enkel übertragen.

Wir leben in einer Kultur, die eine Reihe von zuversichtsstiftenden Ritualen und Mythen kennt. Unsere Volksmärchen sind in diesem Zusammenhang etwas ganz Besonderes. Ihre Narrative sind immer ähnlich: Es geht zunächst immer ganz belanglos zu, dann jedoch kommen Probleme über Probleme. Zum Ende hin wird die Geschichte immer auswegloser und am Ende sind die Protagonisten so wie Hänsel und Gretel ganz am Boden. Dann jedoch gelingt ihnen etwas. Ein Zauber oder irgendeine Kraft kommt ihnen zu Hilfe. Dann wird es wieder gut. Diese Botschaft unserer Märchen steckt voller Zuversicht.

Neugier und Entdeckerfreude

Kinder kommen mit der Zuversicht zur Welt, dass es da draußen weitergeht. Ihre Erwartungen entsprechen ihren vorgeburtlichen Erfahrungen. Jedes Kind erblickt mit der existenziellen Erfahrung das Tageslicht, jeden Tag ein Stück über sich hinausgewachsen zu sein. Diese Erwartungshaltung, die Welt kennenlernen zu wollen, nennen wir Neugier. Manche Menschen sprechen auch vom Explorations- und Erkundungssystem. Kinder bringen diese zuversichtliche Entdeckerfreude mit. Von Lebensbeginn an sind sie voller Begeisterung über das, was sie alles vorfinden, entdecken und gestalten können. […]

Sicherheit und Vertrauen

Die von Zuversicht getragene Explorationslust von Kindern und Heranwachsenden kommt dann zum Stillstand, wenn Kinder sich nicht mehr geborgen fühlen. Die eigentlichen Treiber für Zuversicht sind nämlich die Sicherheit und das Vertrauen, mit seinen Eltern oder mit nahen Bezugspersonen verbunden zu sein. Diese für Gefühle und Erfahrungen zuständigen neuronalen Netzwerke werden nicht unmittelbar von genetischen Programmen miteinander verknüpft.

Genetische Programme lenken und steuern stattdessen die Hirnentwicklung so, dass überschüssige Vernetzungsangebote zur Verfügung stehen. Es sind die Menge und die Qualität der Erfahrungen, die dann diese neuronalen Netze codieren und auf diese Weise die Hirnentwicklung steuern. Wir können diesen Überschuss an Vernetzungsangeboten neurobiologisch nachweisen. Wir wissen aber auch, dass unsere Hirnentwicklung benutzungsabhängig ist. Es werden nur diejenigen überschüssigen Netzwerkangebote stabilisiert, die auch tatsächlich genutzt und gebraucht werden. Das nennen wir nutzungsabhängige Plastizität oder "experience dependent plasticity". […]

Angst macht "kopflos"

Kommt es in dieser Balance zu Störungen, zeigt das Hirn Reaktionen. Die Angst hat ein neuronales Zentrum, dass dann aktiviert wird, wenn wir aus einem Zustand von Geborgenheit und Sicherheit herausfallen. Machen wir Erfahrungen, nicht immer in den Arm, nicht immer akzeptiert oder wertgeschätzt zu werden, dann meldet sich in der Amygdala das Angstzentrum. Wir geraten einen Zustand der Unruhe, den wir Neurobiologen „Arousal“ nennen. Können wir diesen Erregungszustand und dieses suchende Durcheinander im Hirn nicht wieder zur Ruhe bringen, dann werden wir, wie es in der Umgangssprache heißt, kopflos.

Die Erregungsmuster im Frontalhirn, die für Planung und Kontrolle von Handlungen oder für die Empathie verantwortlich sind, lassen sich in diesem emotionalen Zustand nicht mehr so einfach aktivieren. Diese sogenannten exekutiven Hirnfunktionen können dann in sich zusammenbrechen. Biografisch ältere Gewohnheitsmuster übernehmen dann das Kommando. Wenn die Angst zu groß wird, dann stehen nur noch drei archaische Notfallprogramme zur Verfügung: Angriff, Flucht oder der Totstellreflex. Es hängt nun von den Erfahrungen und gelernten Bewältigungsstrategien ab, welche neuronalen Netzwerke auf Dauer immer stabiler werden. […]

Ermutigen statt entmutigen

Es gibt in Deutschland Schulen, wo die Kinder weinen, wenn Ferien sind. Die Vielfalt der Entdeckerangebote, die Kultur der Wertschätzung, die Gruppen- und Teamerfahrungen dort machen Kinder so stark und zuversichtlich, dass sie dort so gern hingehen. Eine Schule, die solche Erfahrungen nicht ermöglicht, ist eine Katastrophe für junge Menschen, die Zuversicht entwickeln sollen. […]

Die Zuversicht braucht Coaches, die Potenzial entfalten

Wir haben in der Vergangenheit eine besondere "Kultur des Helfens" entwickelt. Krankenpfleger betreuen Kranke. Coaches betreuen Führungskräfte, Lehrer betreuen Schüler und so weiter. Diese Beziehungsform ist durch asymmetrische Verhältnisse charakterisiert. Da ist immer einer kompetenter als der andere. Dieses Gefälle in der Beziehung birgt die Gefahr, dass sich die Kompetenzbesitzenden in ihren Rollen gefallen. So kann es dann sehr leicht passieren, dass Krankenpfleger sich selbst nur dann wertschätzen können, wenn sie möglichst viele Kranke haben. So wie Pfleger ihre Kranken zu ihrer Selbstbestätigung brauchen, kennen wir diese Verhältnisse in den Beziehungen von Lehrern und Schülern, Eltern und Kindern, Coaches und Managern.

Diese Beziehungsmuster schaffen Abhängigkeiten, sie verhindern auch die Entwicklung von selbstbewusster Zuversicht. Führungskräfte, Coaches, Lehrer oder Eltern sollten also nicht den anderen die eigenen Ressourcen und Lösungswege zur Verfügung stellen, sondern ihnen helfen, selbst zu Kraft zu kommen. Statt anderen zu demonstrieren, wie es geht, sollten sie eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, es selbst herauszufinden. Das tun Eltern nicht oft genug und das tun auch Lehrer und Führungskräfte viel zu selten. Erst wenn diese Helfer und Unterstützer sich als Coaches verstehen, die Potenzial entfalten, kann die Zuversicht ihrer Klienten wieder wachsen.

Prof. Dr. Gerald Hüther
www.gerald-huether.de

 

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