Interview - Prof. D. Thomä – Kulturgeschichte der Zuversicht

Interview

Prof. D. Thomä, Philosoph

"Immer dort, wo wir uns mit anderen verbunden fühlen, schöpfen wir Kraft und Zuversicht. Unser wichtigster Zuversichtsgenerator hat daher etwas mit Generativität zu tun. In diesem Wort verbindet sich die Dimension der Kreativität mit der Abfolge und dem Zusammenhang zwischen Generationen."

Prof. Dr. Dieter Thomä
Philosoph

 

Kulturgeschichte der Zuversicht

Die Zuversicht fasziniert mich, weil sie ein Lebensgefühl bezeichnet, das in der Schwebe ist. Die Zuversicht ist einerseits ein kognitiver Vorgang – ich weiß, sehe und erkenne etwas. Sie ist aber auch ein starkes Gefühl. Diese bedeutsame Überschneidung zwischen Emotionen, Wissen und Vernunft kommt ansonsten in der Bewältigung des menschlichen Lebens nicht so häufig vor. Schon die Sprache bringt es zum Ausdruck: In der Zuversicht ist das „Sehen“ enthalten. Um zuversichtlich zu sein, müssen Menschen etwas wahrnehmen können. Der Optimismus kann blind sein. Die „blinde Zuversicht“ ist jedoch unserer Sprache fremd. „Seine Aufgabe oder sein Amt versehen“ – auch diese ältere, wortverwandte Formulierung bringt die Kraft des Sehens zum Ausdruck. In beiden Begriffen geht es um Aufgaben und Herausforderungen in der Zukunft, deren Bewältigung immer auch mit Ungewissheit verbunden ist. In der Zuversicht kommt eine gewisse geerdete Selbstgewissheit zum Ausdruck, die weder in Wolkenkuckucksheime noch in einen Wahn von Machbarkeit abschwirrt.

Christoph Potting hat dazu mit Prof. Dieter Thomä, Philosoph, gesprochen.

Zuversicht und Größenwahn

Wenn wir uns der Kulturgeschichte der Zuversicht nähern, dann war ihr eigentlicher Vorläufer die Hoffnung. In der Hoffnung kommt zum Ausdruck, dass Menschen auf etwas setzen, das ihnen entzogen ist und stärker ist als sie selbst. Wer hofft, setzt nicht so sehr auf die Kräfte und Ressourcen der eigenen Persönlichkeit, sondern auf andere, externe Potenziale. Menschen richteten ihre Hoffnung auf den Gott oder die Götter. Das machte ihre Zuversicht aus und stark. Es möge regnen, die Ehefrau gesund werden oder der Krieg zu Ende gehen. ... Die traditionelle Hoffnung setzt auf externalisierte Erwartungen und Anstrengungen, um den Gott gnädig zu stimmen. Sie überantwortet sich Kräften von außen. Das gewachsene Selbstbewusstsein der Aufklärung hat jedoch diese Prozesse verändert. Ab da sollen ganz diesseitige Fortschrittserwartungen die Zuversicht starkmachen. Selbstsicherheit und Zuversicht entstehen durch wissenschaftliche und technische Erklärungen und das wachsende Wissen, die Zusammenhänge der Natur und des Menschen immer besser verstehen und auch vorhersagen zu können. Ging die Gottesfürchtigkeit noch mit einer Selbstdemütigung und Selbstschwächung einher, haben die aufgeklärte Zuversicht und Selbstsicherheit leichte Züge von Größenwahn. Die wissenschaftlich unterfütterte Selbstsicherheit braucht nämlich die Zuversicht nicht mehr. Sie weiß ja schon so vieles besser. [...]

Vertrauen und Überschwang

Gleichzeitig jagt den Aufklärern des 18. Jahrhunderts diese Offenheit auch Angst ein. Sie empfinden sie als Demütigung ihrer eigenen Machtvollkommenheit. Warum soll man nicht die Zukunft steuern können, wenn wir die Natur jetzt immer weiter durchschauen und dann auch beeinflussen? Je mehr Menschen sich Einsicht in die Wirklichkeit verschaffen, desto stärker wird auch ihr praktisches Selbstbewusstsein, die Gesetze der Welt für sich zu instrumentalisieren. Noch einmal pointiert zum Ausdruck gebracht: In der Kulturgeschichte der Zuversicht hat dieses Lebensgefühl ein sehr eigenwilliges Schicksal. Der Selbstentmachtung und Mutlosigkeit der Voraufklärung folgt seit der Aufklärung bis auf den heutigen Tag die Vorstellung eines beinahe überschwänglichen Vertrauens in die eigenen Kräfte. Weder hier noch da wird die Zuversicht wirklich gebraucht. [...]

Krise der Sozialtechnologie

Wir müssen in diesem Zusammenhang nicht nur die „harten“ Technologien, sondern auch die allmählichen sozialen und kulturellen Veränderungen in den Blick nehmen. Auch bei den Veränderungen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau haben wir es mit nicht beabsichtigten Nebenfolgen zu tun. Politiker und Initiativen, die sich beispielsweise für die Integration und den Aufstieg von Frauen in der Berufswelt einsetzen, stellen mit großer Überraschung fest, dass diese Veränderungen auch zu einer Neujustierung in den Partnerschaften und zu Turbulenzen in Familien führen. Wir können diese Entwicklung auch als eine Krise der Sozialtechnologie verstehen, weil durch bestimmte geplante Aktivitäten häufig unwillkommene Nebenfolgen eintreten. Ganz einfache Maßnahmen, deren Folgen wir zu überschauen glauben, können etwas gänzlich Unerwartetes auslösen, weil sich eben Reaktionen von Menschen nicht vollkommen erschließen und vorhersagen lassen. […]

Persönliche Zuversichtsexperten

Wenn wir über die Zukunft der Gesellschaft und des menschlichen Lebens belastbare Aussagen machen wollen, haben wir als Wissenschaftler sehr schlechte Karten. Als Experten sind wir, wenn wir Glück haben, eher Experten der Vergangenheit. Schon die Gegenwart entschlüpft uns, um von der Zukunft erst ganz zu schweigen. Aber wir alle wollen gerne morgens mit dem Gefühl aufwachen, zu wissen, wo es für uns langgeht. Und hier verlassen wir uns nicht auf irgendwelche Wissenschaftler, sondern machen uns selbst zu unseren persönlichen Zuversichtsexperten. Dieses Potenzial sollten wir in der Gesellschaft viel wirkungs- und verantwortungsvoller nutzen. Es geht also darum, uns als Handelnde aufzuwerten, weil wir die Verantwortung für die Zuversicht an niemanden mehr delegieren können. Dafür müssen wir uns alle von der verbreiteten Betretenheit und Verzagtheit sowie von der Perspektive, mit unserem Leben wie unsere eigenen Sozialarbeiter umzugehen, verabschieden. […]

Rituale der Zuversicht

Wir leben in einer Kultur, die mit Festen und Ritualen die Versicherung der Zuversicht verbindet. Weihnachten und Ostern sind in der christlichen Kultur Feste der Zuversicht. Insbesondere das Weihnachtsfest steht für diese Unauslöschlichkeit von Hoffnung und Zuversicht. Außerhalb der religiösen Rituale stehen uns bisher kaum angemessene Inszenierungen für diese Zuversicht zur Verfügung. Die Lichterkette ist eine typische religiöse Handlung, die wir ins Weltliche übertragen haben. Das Tragen von Kerzen hat eine lange religiöse Tradition, die wir in unseren (politischen) Alltag hinübergenommen haben. […]

Prof. Dr. Dieter Thomä

 

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