Kuhl - Interview - Leistungssport

Interview

U. Kuhl, der Psychologe ist auf Sport spezialisiert

"Sportler zu trainieren, unter Druck leistungsfähig zu bleiben – hierin sehe ich eine zentrale Aufgabe für die Sportpsychologie. Wir müssen extreme Drucksituationen in Wettkämpfen für Sportler beziehungsweise Trainer bereits im Vorfeld so simulieren, dass sie ein hohes Transferpotenzial haben."

Dr. Ulrich Kuhl
Sportpsychologe

 

Wie gewinnen Sportler die Überzeugung zu gewinnen? Auf welche Weise können Mannschaften die Gewissheit haben, zu siegen?

Christoph Potting hat dazu den Sportpsychologen Ulrich Kuhl in Essen getroffen und eine Menge über das Zuversichtstraining im Spitzensport gelernt. Wir dokumentieren das Gespräch in einer kompakten und lesbaren Form.

Eine Haltung und Einstellung, dass sich die Dinge positiv entwickeln, bringt die Zuversicht zum Ausdruck. Selbstverständlich wissen wir alle, dass es Schwierigkeiten geben kann und wir auf das Gelingen keinen absoluten Einfluss haben. Zuversichtliche Menschen gehen jedoch davon aus, dass Absichten und Pläne schon zu verwirklichen sind. Statt griesgrämig in die Welt zu schauen oder ans Misslingen zu denken, stellt die Zuversicht die Erfolgswahrscheinlichkeit in den Mittelpunkt. Eine übertriebene Zuversicht ist jedoch selten adäquat.

Zuversicht lässt sich erlernen. Mein Engagement als Sportpsychologe kann dies verdeutlichen. Wenn wir mit einzelnen Athleten arbeiten, dann müssen die Akteure natürlich gut trainiert haben. Sie sollten ihre Kompetenzen abrufen und ihre Potenziale auf den Platz oder ans Sportgerät bringen können. Dafür sollte das Training selbstverständlich auch unter erschwerten Bedingungen stattgefunden haben. Wenn Sportler nämlich unter Druck und Stress Herausforderungen im Training bewältigen konnten, dann sind erste Schritte in Richtung Zuversicht schon getan.

Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, auch unter schwierigen und belastenden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, macht jedoch die Zuversicht erst komplett. Elfmeterschützen können im Training noch so viele Strafstöße schießen. Fehlt ihnen aber die feste Überzeugung, einen Elfer auch in der entscheidenden 89. Minute verwandeln zu können, werden sie nicht erfolgreich sein. […]

Mit präzisen Begriffen arbeiten

Sportpsychologen sind Fachleute für mentale Prozesse. Sie begleiten Trainer dabei, erfolgreich eine Mannschaft zu coachen. Ein Beispiel aus meiner persönlichen beruflichen Praxis mag verdeutlichen, worum es dabei gehen kann. Eine Mannschaft ist der Halbzeitpause mit der schwierigen Situation konfrontiert, dass eine Niederlage ihren Abstieg bedeuten würde. Der Trainer wählt deutliche Worte, um den Spielern die Konsequenzen vor Augen zu führen: "Macht euch das klar – es geht um eure Existenz!" Auf diese Weise wird jedoch die Fußballmannschaft keine Zuversicht entwickeln. Wer nämlich am Abgrund steht und dann die möglichen negativen Konsequenzen fokussiert, wird sich kaum neu motivieren können.

"Wenn wir das erste Tor kassieren, verlieren wir immer“ oder „Bei dem Turnier schaffe ich es nie, mein Leistungspotenzial abzurufen" – häufig haben sich auch solche "Glaubenssätze" festgesetzt. Die Herausforderung besteht dann darin, solche Überzeugungen aufzubrechen und wieder Zuversicht zu stiften. Ein anderes Beispiel: Spielt der absolute Außenseiter gegen den Favoriten, dann kann man natürlich sagen, wir haben so gut wie keine Chance. Diese Aussage setzt nicht auf die Zuversicht. Aber besteht nicht immer eine Chance, auch wenn sie nur aus zehn Prozent besteht? Können wir die Mannschaft nicht davon überzeugen, dass diese zehn Prozent wirklich existieren? Können wir nicht dieses Potenzial nutzen, um ein solches Spiel möglicherweise zu gewinnen? […]

Herausforderung oder Bedrohung

Wir können Aufgaben als Herausforderungen oder auch als Bedrohung verstehen. Bedrohungen legen die Befürchtung nahe, etwas möglicherweise nicht bewältigen zu können. Herausforderungen appellieren jedoch an die Zuversicht. Trauen wir uns die Bewältigung einer Aufgabe zu, dann setzen Erfolge Gefühle wie Freude und Begeisterung frei. Je größer oder je wichtiger das Ergebnis, desto intensiver die Emotion. Die Wahrnehmung der Aufgabe als eine mögliche Bedrohung verändert jedoch die Situation grundlegend. Wenn diese Zuversicht fehlt, ergeben sich bei einem Erfolg völlig andere emotionale Zustände.

"Gott sei Dank ist es nicht schiefgegangen!" – Statt Gefühle der Freude stellen sich Stimmungen der Erleichterung ein. Freude und Begeisterung sind gute Motivatoren, die Erleichterung ist allenfalls ein Trost, der jedoch für die Bewältigung neuer Herausforderungen keine positive Energie bereitstellt. Erfolge stärken auch die Selbstwirksamkeitsüberzeugung und das Selbstwertgefühl nicht nachhaltig. Denken Sportler daran, dass besser nichts schiefgehen sollte, statt Zuversicht in ihre wiederholte Leistungsfähigkeit zu entwickeln, bringen sie eher suboptimale Resultate. […]

Siegen muss gelernt sein

Auch Siegertypen stehen immer wieder aufs Neue unter Druck. Siegen muss gelernt sein. Die Bedeutung der mentalen Befindlichkeit mag ein Beispiel aus dem Schwimmsport verdeutlichen. Wir alle kennen ein Phänomen, dass Athleten im Wettkampf die ersten 50 Meter mit bleiernen Armen und Beinen angehen. Sie fühlen sich so, als hätten die schon drei Kilometer geschwommen. Nach 100 Metern und einem beruhigenden Vorsprung legt sich dieses Körpergefühl dann. Aus physiologischer Perspektive ist eine solche Wahrnehmung komplett widersinnig. Ginge es nur nach den Gesetzen des Körpers, dann müssten mit zunehmender Belastung die Beine schwerer und eben nicht leichter werden. […]

Dr. Ulrich Kuhl
www.kkp-managementberatung.de

 

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