Meinungen - Andreas Gelhard

Dr. Andreas Gelhard

Zuversicht - im Freien und im Tunnel

Eine philosophische Notiz

Das Thema Zuversicht spielt in den philosophischen Diskursen der letzten beiden Jahrhunderte keine große Rolle. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Philosophie sich so wenig ums Tagesgeschäft kümmert. Vor zweihundert Jahren war das Thema noch fest in der Hand der Theologen, deren starkes Interesse an Ewigkeit sich schon immer gut mit der liebevollen Regelung des Alltagslebens verbinden ließ. Zuversicht war konsequent aufs Jenseits ausgerichtet, als solche aber ein wichtiger Bestandteil der religiösen Lebensberatung. Nach dem damals gängigen Sprachgebrauch fiel sie in die Rubrik „Erbauliches“. Im Laufe der letzten einhundert Jahre ist die Expertise fürs Allgemeinmenschliche dann nahezu vollständig an die Psychologen übergegangen, denen es mit der Zeit gelungen ist, jeden Manager, Lehrer und Liebhaber davon zu überzeugen, dass er ohne ihren Rat nicht ans Ziel seiner Wünsche gelangt. Was vor zweihundert Jahren für viele Philosophen zu sehr nach Tugendterror schmeckte, hat daher heute einen deutlichen Stich ins gut gelaunt Gruppendynamische. Man bewegt sich irgendwo zwischen „Jesus, meine Zuversicht“ und „Die Kunst des positiven Denkens“. Das macht den ersten Kontakt mit dem Thema etwas gewöhnungsbedürftig.

 

I.


Eine Möglichkeit, sich des Themas ohne große Reibungsverluste zu entledigen, wäre eine kurze geistesgeschichtliche Erzählung der sich wandelnden Einstellungen zur Zuversicht. Diese Erzählung müsste vor allem die angedeutete Umstellung von kirchlich gebotenem Gottvertrauen auf psychologisch gefördertes Selbstvertrauen in den Blick nehmen. Kant gebraucht in seiner Kritik der reinen Vernunft wiederholt die Wendung  „Zuversicht  auf sich selbst“. Das entspricht unserem heutigen Empfinden, dass zuversichtliche Menschen selbstbewusste Menschen sein müssen. Wenn man den Begriff ins Englische übersetzt, landet man wahrscheinlich bei confidence. Letztlich ist das aber eher eine Seite des Begriffs, die ihn austauschbar macht. Niemand bezweifelt, dass Selbstvertrauen eine wichtige Sache ist, wir sind aber auch schon einmal zu oft darauf hingewiesen worden, um der Erkenntnis noch etwas abzugewinnen.

Interessanter wird es, wenn man den zeitlichen Sinn der Zuversicht ernst nimmt. Menschen sind Wesen, die eine besonders innige Beziehung zu ihrer Zukunft unterhalten. Das hat zur Folge, dass sie kaum über Künftiges sprechen können, ohne ihre Hoffnungen und Befürchtungen mit auszusprechen. Dem Grimmschen Wörterbuch kann man entnehmen, dass man unter Zuversicht ursprünglich einmal „die erwartung des künftigen, sei es gut oder böse“ verstand, dass sich der Begriff in dieser neutralen Bedeutung aber nicht lange gehalten hat. Näher an unserem heutigen Verständnis ist „die erwartung dessen, was man wünscht, hoffnung“. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass die Umstellung von Gottvertrauen auf Selbstvertrauen irgendwie auch die Umstellung von Hoffnung auf etwas Stärkeres, Angriffslustigeres, Erfolgsorientierteres gewesen sein muss. Einen Trainer, der „hofft“, dass seine Mannschaft gewinnen wird, würden wir nicht als zuversichtlich, sondern als verzagt bezeichnen. Zuversicht ist nicht (mehr) bloß Hoffnung. Der Mensch des 21. Jahrhunderts kommt zwar ohne Gottvertrauen aus, muss sich aber irgendwie zielgerichtet und zupackend fühlen, um nicht doch wieder Angst vor der Zukunft zu bekommen.

Das trennt unsere psychologiebegeisterte Gegenwart ganz offensichtlich von dem philosophischen Projekt Kants, dem es nicht um die Optimierung von Lebensentwürfen oder Arbeitsabläufen ging, sondern um die Ermöglichung von Freiheit. Zuversicht bezeichnet nach Kant nicht die Gewissheit, sein Ziel zu erreichen, sondern das Bewusstsein, jederzeit mit der Vergangenheit brechen und neu anfangen zu können. Die berühmten Passagen der Kritik der reinen Vernunft, in denen Kant seine Freiheitslehre erstmals entwickelt, fragt nicht frontal nach konkreten Formen der Freiheit, sondern zunächst, weit grundsätzlicher, nach der Denkmöglichkeit von Freiheit. Wie kann die Freiheit von Wesen, die einen Körper haben und folglich der physikalischen Ordnung von Ursache und Wirkung unterliegen, überhaupt gedacht werden? Kants nach wie vor bahnbrechende Antwort lautet: Freiheit ist für Wesen unserer Art nur denkbar, wenn wir uns die Fähigkeit zuschreiben, mit dem Vergangenen zu brechen. Freisein heißt, seine Handlungen nicht bloß als gegenwärtige Wirkung vergangener Ursachen zu verstehen, sondern auf die Fähigkeit zu vertrauen, jederzeit eine neue Kette von Ursachen und Wirkungen „von selbst anfangen“ zu können. Dieses emphatische „von selbst“ steckt auch in Kants Rede von der „Zuversicht auf sich“. Die Wendung hat mit unseren psychologischen Vorstellungen von Selbstvertrauen also weit weniger zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. [...]

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Kurzvita

Dr. Andreas Gelhard ist wissenschaftlicher Leiter des Forums interdisziplinäre Forschung und wissenschaftlicher Mitarbeiter am philosophischen Institut der Technischen Universität Darmstadt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Bonn, Paris und Bochum, lehrte am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und arbeitete als Wissenschaftslektor im Suhrkamp Verlag. Im Jahr 2010 erhielt er den Karl Jaspers-Förderpreis der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg.

Unter Anderem sind zuletzt erschienen:
„Das Dispositiv der Eignung. Elemente einer Geschichte der Prüfungstechniken“, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 1/2012, S. 44-60.
Kritik der Kompetenz, Zürich, Berlin: diaphanes 2011.

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