Meinungen - Klaus Kocks

Prof. Dr. Klaus Kocks

Einmal zog einer aus …

Eine Glosse

Einmal zog einer aus, nein, nicht das Fürchten, sondern das Dichten zu lernen. Es kömmt (ja, mit Umlaut, siehe 13. Feuerbach-These) darauf an, sagt er sich, das Hoffen zu lernen. Menschwerdung des Affen: sich Hoffnung auf ein besseres Leben machen. Bei seiner Geburt, gar seiner Zeugung, ist der Mensch eine Chiffre, eine Tonscherbe, ein leeres Blatt Papier, auf dem nun das Leben beginnt, die Geschichte seines Lebens zu schreiben; na ja, es macht sich Notizen, Kratzspuren im Ton, ob die dann Sinn machen werden und welchen, das ist dann, was wir Leben nennen, na ja, nur wenn es eine veritable Geschichte wird, dann war es, im emphatischen Sinn, ein Leben. Nichts ist hier "in nuce" angelehnt; und wenn, dann bietet der werdende Mensch dem im Zweifel auch die Stirn. Wir sind nur insofern Kinder unserer Eltern, als wir Kinder ihrer Nestpflege, später Erziehung, dann Bildung sind. Als Aufgeklärte reden wir nicht vom Ererbten, weil es, im Lichte möglicher Erkenntnis, gleichgültig ist, was uns genetisch zu bestimmen sucht. Ganz früh formen uns Hunger und Libido; die Jungens wird das Paradigma der Mutterbrust nicht mehr verlassen, wahrscheinlich die Mädchen nicht minder. Von Anfang an kämpfen wir, jedenfalls wenn gesättigt, gegen das, was wir biologisch sind. Heranwachsend kämpfen wir an Schiefertafeln sitzend, Kopfrechnen übend, Balladen rezitierend gegen das, was das Leben uns antut, weil diese banale Hölle der Kontingenz gleichgültig ist gegen das Schöne und das Erhabene, alle mal gegen das Gute. Zufälle drohen uns zu erdrücken, herabzudrücken auf die Sorgen der Hungernden und Begehrenden. Ein glückliches Leben leben, das wird, wer den Griffel in die Hand bekommt, und sein Stück schreibt. Ob er dann das Leben an die Geschichte oder die Geschichte an das Leben anzupassen gedenkt oder beides, nacheinander und ineinander, das ändert nichts an dem Schicksal, die Geschichte seines Lebens schreiben zu müssen, will man von einem solchen reden wollen, zu sich wie zu anderen. Das antike Maß finden, ein gutes Leben haben, heißt, sein Skript mit Bedacht und Wonne, vielleicht auch im Wut und Wille, jedenfalls selbst zu schreiben. Der Mensch ist ein geschichtenerzählender Affe, ein wieder erzählender. Alles, was wir sagen könnten, wenn wir viel zu sagen hätten, steht schon bei Homer. Wie klug, eine Kommunikationsberatung Script zu nennen. Wie die Lebensgeschichten so die große Geschichte. Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. Deshalb sind diese Werbespots der Bausparkasse Schwäbisch Hall so genial: ein Haus bauen heißt ein Puppenhaus, ein Legoland jener Utopie anlegen. Der wichtigste Ort der Welt, weil er ein Dokument der Selbsterschaffung ist. Und wie Scheiße sehen manche dieser Doppelhaushälften aus. Bitter. Der Mensch der Moderne ist Robinson Cruseo, vor der Ankunft von Freitag. Es geht nicht um Immobilien, mein Gott. Kulinaristen geben sich ein Mahl statt ein Haus zu bauen; kann erbaulicher sein. Utopiebegabte Tiere. Heimatwillige, Heimatflüchtige, Heimweh als Paradigma des Humanismus. Gärtner kennen das auch. In meinem Garten macht die Natur erstmals Sinn. Nur grüngesinnte Idioten träumen vom tropischen Regenwald als Idylle. Ein Garten ist die durch Arbeit zur Kunst gebrachte Natur. Das Leben ist ein Garten, das gelungene.

Anmerkung

Wenn Klaus Kocks schon zugibt, dass es sich um eine "wiederlaufende" Vorrede handelt, also selbst auf Wiedergänger ("Untote") verweist, ist der Plagiatsverdacht nahe. Tatsächlich ist seine Glosse erfüllt von Anspielungen und Zitaten aus einem Werk des Philosophen Ernst Bloch, das im deutschsprachigen Raum als PRINZIP HOFFNUNG bekannt wurde und ursprünglich TRÄUME VON EINER BESSEREN WELT heißen sollte. Kocks, der Brecht-Schüler, wie er glauben machen will ("Ich bin nur ein Stückeschreiber."), montiert frech Bloch-Zitate mit Tagebuchnotizen und eigenen Sentenzen. Die Definition des "gelungenen Lebens" als Garten wie die Definition des Gartens als "durch Arbeit zur Kunst gewordenen Natur" ist tatsächlich von ihm selbst. Sicher sein kann man sich aber bei Kocks wie Brecht in solchen Fragen nie; in Fragen des geistigen Eigentums frönen sie einer laxen Haltung. Man müsse das kulturelle Erbe auf seinen Materialwert reduzieren, so wie man früher Städte aus den Steinen der geschliffenen Burgen errichtet habe.

 

Kurzvita

Prof. Dr. Klaus Kocks
 

Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Germanistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum promovierte er mit einer Arbeit über Brechts literarische Evolution. Zunächst machte Klaus Kocks PR-Karriere in der Energiewirtschaft und der Automobilindustrie. 2001 wurde er zum Honorarprofessor für Kommunikationsmanagement an der Fachhochschule Osnabrück ernannt. 2002 dann gründete er die CATO Sozietät und machte sich als freier Meinungsforscher und Kommunikationsberater selbstständig.

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